Tagebuchaufzeichnungen der 1. AKM Polarlicht-Expedition
Von Claudia Hinz, Irkutsker Str. 225, 09119 Chemnitz und Ulrich Rieth, Schiffergasse 21, 54538 Kinheim-Kindel

Mitwirkende:

Ort:

Karhujärvi, Nordfinnland
3 km südlich des Polarkreises
6632'n.B./2819'ö.L./ca. 500m ü. NN

16.02.2001


Unsere Hütte

Verschneite Fischerhütte neben unserer
eigentlichen Hütte
Endlich, nach langer Vorbereitungszeit war es soweit und die 1.AKM - Polarlicht - Expedition konnte beginnen. Nach nur drei Stunden Schlaf schnappten sich die vier tags zuvor in Chemnitz Zusammengetroffenen ihren Leihwagen und starteten gen Flughafen Berlin-Tegel. Leider waren sämtliche Fensterplätze des Airbus A309 schon vergeben und so konnte Keiner die erhofften großen Halodisplays beobachten. Da das Flugzeug in Tegel viel zu spät startete, blieb uns in Helsinki nur wenig Zeit, um in die Maschine nach Kuusamo zu wechseln. Zu wenig Zeit für unser Gepäck, und so kam es, dass wir in Kuusamo zwar mit einem schicken Opel Astra Caravan ausgestattet wurden, die dicken Winterklamotten aber noch irgendwo in Helsinki verweilten. Aber in der ersten Nacht wird es ja wohl nicht schon Polarlichter (im Folgenden oft als PL abgekürzt) geben. Eigentlich rechneten wir uns allgemein nur wenig Chancen aus, überhaupt große Polarlichtdisplays zu sehen, denn sowohl die Wettervorhersage als auch die momentane PL-Aktivitäten waren nicht gerade rosig. Jedoch sollte alles anders kommen. Aber erst einmal ergötzten wir uns am Anblick der Begrüßungshalos, denn Petrus hatte extra für uns den 22-Ring und eine Nebensonne an den Himmel von Kuusamo gezaubert. Die 83 km lange Fahrt zu unserer Hütte nach Karhujärvi wurde dann noch von einer Lichtsäule und einem gigantischen Abendrot mit Gegenabendrot begleitet.


Der zugefrorene See
vor unserer Hütte
Die ursprünglich gemietete Hütte hatte unser Gastgeber Martti zur Empfangsstätte all seiner Freunde erkoren. Deshalb bekamen wir eine geräumige "Ersatz"-Hütte mit Kamin, Sauna, Küche mit Spülmaschine und Mikrowelle, Werkstatt und prall gefüllten Holzschuppen. Gelegen war unser neues Heim am Südufer eines Sees, der mit einer dicken Eisschicht und ebensoviel Schnee bedeckt war. Den Nordhimmel konnten wir direkt vom Panoramafenster der Hütte aus observieren und für den restlichen Himmel brauchte man nur ein paar Schritte über den See zu stapfen. Also optimal für unser Vorhaben! Gegen 19:15 Ortszeit zeigte sich ein erstes grünes Glimmen am Nordhorizont, das sich wenig später zu einem Polarlichtbogen bis in etwa 10 Grad Höhe ausdehnte. Aufruhr! Da wir damit rechnen mussten, dass dies unser einziges Polarlicht sein könnte, schnappten wir uns die Kameras, die wir Gott sei Dank im Handgepäck verstaut hatten und improvisierten aus Tischen, Fußbänken, Holzscheiden und Schnee Fotostative. Die weiteren wichtigen Utensilien wie Stiefel, Handschuhe und Mützen waren noch irgendwo südlich von uns unterwegs, deshalb wurde zum Aufwärmen die erste Flasche Wein aus Rieths eigenem Anbau geköpft.

Gegen 21:00 Uhr beendete hochnebelartiger Wolkenaufzug unser erstes Polarlicht-Event. Der K-Index am Magnetometer in Troms wurde während dieses schwachen PLs mit einem Wert von 2 angegeben. Vor dem Kaminfeuer erwarteten wir jetzt die Ankunft unseres Wintergepäcks. Nebenbei liefen die Handys heiß und man versuchte verzweifelt, irgendeine Nachricht ins ferne Deutschland zu versenden. Aber es kam ständig der gleiche finnische Spruch, den keiner verstand, der aber schrecklich nervte ;o).

Im Kamin wurde derzeit Holz nachgelegt, und die feuchte Birkenrinde lieferte ein wahres Funkenfeuerwerk. "Meteore mit Radiant am Kamin", bemerkte Ulrich trocken... Kurz vor Mitternacht wurde tatsächlich noch unser Gepäck angeliefert, nachdem Martti zuvor am Flughafen einen seiner zahlreichen Freunde angerufen und eine genaue Wegbeschreibung gegeben hatte. Auspacken und dann ab ins Bett, denn unsere Augen hatten mittlerweile dicke dunkle Halos bekommen und sämtliche (Polar)lichter waren in ihnen erloschen...

17.02.2001

Der Morgen empfing uns mit lockerer Bewölkung mit langgeformten Föhnfischen und einer Temperatur von -12,7 Grad. Am Himmel zeigte sich eine farbige Nebensonne. Ideales Wetter zum Autowandern und zur Erkundung der unmittelbaren Nachtbarschaft im Umkreis von 100 km. In Rajavartioasema wurde die russische Grenze patrouilliert, in Salla die utopischen Preise von alkoholischen Getränken in einem staatlichen ALKO-Laden besichtigt und dank Wetterverschlechterung und einsetzenden Schneefalls wurden auf der Rückfahrt die Fahrkünste auf eine harte Probe gestellt. Besonders die (zum Glück weniger zahlreichen) entgegenkommenden LKW zogen eine derartig dichte Schneewolke hinter sich her, dass die Sicht für wenige Sekunden gleich Null war. Auch die Reifenprofile und Radkästen setzten sich mehr und mehr mit Schnee zu und verwandelten das Autofahren in eine einzige Rutschpartie.

Zurück in der Hütte wurde der Kamin alsbald auf Saunatemperatur gebracht. Den Abend verbrachten wir mit "Kernfusion im Kamin" (Zitat Mark), der mitgebrachte Rum wurde mit Tee verdünnt und das im Alko-Laden erstandene Legenda-Bier (8,3% !) sollte auf den legendären Polarlichtabend einstimmen. Der hütteneigene Kompass kreiselt, was geht nur da oben hinter den dicken Wolken ab? Seltsamerweise ging der Schneefall im Verlauf des Abends immer mehr in Sprühregen über, und das bei einer Temperatur von -5,7 Grad! Hatten wir etwa die Hütten-Tür zu lang aufgelassen??? Nachdem um 01:30 Uhr immer noch keine Polarlichter zu sehen waren, wurde zielstrebig das Bett angepeilt.

18.02.2001

04:45 Uhr - Nachtwache Ulrich gibt Polarlichtalarm! Im NNW war ein grünliches gefaltetes Band und im NE ein ebenso grüner Bogen zu sehen, beides heller als beim Begrüßungspolarlicht, jedoch nur durch Wolkenlücken beobachtbar. Dieses Mini-Polarlicht-Display hätte ein paar Tage später nur noch ein müdes Lächeln hervorgerufen, aber jetzt waren wir hellwach und zückten bei einer Temperatur von -5 Grad unsere Fotoapparate. Erstaunlich war auch diesmal, dass ein leicht zu sehendes Polarlicht auch bei einem K-Index von 2 auftreten kann.

Da kurze Zeit später die Dämmerung einsetzte, kamen wir dann doch noch zu einer Mütze voll Schlaf. Gefrühstückt wurde zu einer Zeit, bei der andere bereits ihr Mittagsmahl einnehmen. Frisch gestärkt unternahmen Claudia und Ulrich ihre ersten Langlaufversuche auf nostalgischen Skiern, die hierzulande nur noch in mittelalterlichen Museen zu finden sind. Wolfgang versuchte sein Glück indes auf ovalen Plastikschneeschuhen.

Später, nachdem wir die Räder und Radkästen unseres Wagens von dicken Eisschichten befreit hatten, fuhren wir zum 13 km entfernten Polarkreis und fanden dort ein Internetkaffee. Während Mark und Ulrich das AKM-Forum mit ersten Reiseeindrücken versorgten, beobachteten Wolfgang und Claudia draußen einen wunderschönen, sehr hellen und farbigen 22-Ring mit oberem Berührungsbogen und Nebensonne. Schließlich landeten wir allesamt in einem Samenzelt und wurden dort mit heißem Tee und Letut ja Marjakiisseli (eine Art Omelett mit samischer Grützespeise) bewirtet. Rentiere bekamen wir auch noch zu Gesicht, allerdings waren diese angebunden und hatten somit keine Chance, unserer Kamera zu entfliehen.

Bis zum Abend fiel die Temperatur auf -8,4 Grad und vom, mit dünnen Wolken durchzogenen Himmel tanzten vereinzelte Eisnadeln. Im Nordosten und Nordwesten hatten sich wieder die schon obligatorischen Polarlichtbögen gebildet (Zitat Ulrich: "Schon wieder ein Polarlichtbogen, ach wie langweilig!"), hinzu kam ein grünliches Schimmern im Süden. Ein PL im Süden? Bei der geringen Aktivität (K-Index = 3)? Kann denn das sein? Aber wir hatten keine Zeit, lange darüber nachzudenken, denn im Süden leuchtete es eindeutig grün auf und man konnte Bewegungen erkennen. Das muss ein lokaler Substorm sein! Aus einem fast strukturlosen grünen Vorhang im NE schossen mit enormer Geschwindigkeit "Polarlichtflares" heraus. Einfach gigantisch! Nur leider schwer zu fotografieren, da die Ausbrüche nie in dem Gebiet stattfanden, auf das man gerade seine Kamera gerichtet hatte. Mitten im schönsten Polarlichtreigen platzte eine SMS aus Deutschland: "In dieser Nacht stark bewölkt und keine Polarlichter zu sehen!"

Leider war dieses eindrucksvolle Naturschauspiel viel zu schnell vorbei und während der Himmel im Norden weiterhin in grünes Licht getaucht wurde, erzeugten wir durch Atemluft Taschenlampenlichtsäulen von z.T. enormer Helligkeit.

19.02.2001

Da die nächste Einkaufsmöglichkeit 55 km von der Hütte entfernt ist, wollten wir uns das Abendbrot heute selbst angeln. Martti hatte sich bereit erklärt, uns in die Kunst des Eislochangelns einzuweihen. Am späten Vormittag ging's, mit aufklappbaren Hockern bzw. speziellen Sitzkisten, Miniangeln, Maden und wärmenden Getränken ausgestattet zum nur wenigen Kilometer entfernten, schon völlig durchlöcherten Hietajärvi. Jeder bekam sein eigenes Loch und nachdem Mark ein Fisch nach dem anderen aus dem Wasser zog, hatten auch wir anderen unsere ersten Fangerfolge. Unsere Ausbeute waren schließlich 23 Barsche, wobei Mark mit 8 Fischen die anderen vier Angler natürlich total ausgestochen hat. Zurück zur Hütte, denn dort erwartete uns bereits ein eindrucksvolles Halodisplay mit 22-Ring, Nebensonnen, oberem Berührungsbogen und kompletter Lichtsäule.

Claudia meinte: "Wenn es noch kälter wird, kristallisiert das Kohlendioxid aus unserer Atemluft und wir bekommen CO2-Halos". Immerhin versprach der Wetterbericht für die nächsten nächsten Tage Wetterbesserung und Temperaturen bis -30 Grad...

Zurück von unserer Einkaufstour (von Fisch allein kann schließlich keiner leben) wurden wir bereits von Martti erwartet, der ein leckeres Fischabendmahl für uns vorbereitet hat. Martti, wir danken Dir für diese köstliche Gaumenfreude! Ach ja, die Polarlichter tanzten natürlich auch an diesem Abend am Himmel und zeigten sich in den bereits bekannten Formen im Nordosten und Nordwesten. Allerdings schien es auch an diesem Abend wieder ein PL im Süden zu geben. Diesmal war es aber nicht wirklich grün, sondern eher gelb und es bewegte sich auch nicht. Um ein paar "Beweisfotos" zu haben, standen Mark und Ulrich kurz vor 23:00 Uhr auf dem See und plötzlich (Punkt 23:00:00 Ortszeit) war das Licht im Süden verschwunden und nur die Bänder im nördlichen Bereich des Himmels blieben sichtbar. Scheinbar war man diesmal einer zivilisatorischen Lichtquelle auf den Leim gegangen, was aber erst am nächsten Tag untersucht werden sollte. Leider zogen die Wolken immer mehr zu und nachdem das letzte Grün verdeckt war, gingen wir endlich mal früh ins Bett.

20.02.2001

Nach frühzeitigem Aufstehen (07:00 Uhr) geht's nach Rovaniemi, um das vielgepriesene Arktikum zu besichtigen. Laut Angaben im Internet sollte auch eine Multimediaschau über Polarlichter stattfinden. Letztendlich war aber das einzig wirklich tolle an dem Arktikum die angrenzende Bibliothek mit kostenloser Nutzung des Internets. Die Ausstellung selbst war zwar ebenfalls sehr interessant, doch rechtfertigt sie nicht den hohen Eintrittspreis. Und die Multimediaschau pausiert bis 01.03.2001. Na ja, wenigstens konnte man sich dort wirklich reichlich mit Polarlichtkarten eindecken und darüber sinnieren, welche dieser da abgebildeten Formen und Farben wir gern noch in Natura gehabt hätten. Nein, dabei waren wir ganz und gar nicht anspruchsvoll...

Auf dem Rückweg schauten wir noch im Santa Park am Polarkreis vorbei. Leider hat nur Mark den wahrhaftigen Weihnachtsmann live erlebt. Als wir anderen kamen, machte dieser gerade Mittagspause. Nach reichhaltigen Besuchen unzähliger Souvenirshops ging es dann durch Schnee und Eis die ca. 160 km zurück zur Hütte. Die Temperatur war im Tagesverlauf von -8 auf -15 Grad gesunken und der immer stärker werdende Schneefall verwandelte die bis dato grünen Bäume in einen weißen Märchenwald, was auch sofort von Ulrich mit den Worten: "Endlich bleibt das gammelige Zeug mal auf den Bäumen liegen!" quittiert wurde. Zurück in der Hütte machten wir uns genüsslich über die von Martti zubereiteten Fischsuppe her, die ja schließlich aus dem eigenen Fang bestand.

Am Abend gab es dann am völlig bedeckten Himmel wieder die grün-gelbe, reglose Aufhellung im Süden. Deshalb machten sich Claudia und Wolfgang auf den Weg, die Herkunft dieses "Irr-Lichtes" zu erkunden. Nach drei Kilometer Schneestapfen und mehrmaligem Einseifen durch vorbeifahrende LKW fanden sie schließlich die Lichtquelle, eine total lichtverschmutzte Kreuzung. Auf dem Rückweg fiel den Beiden dann zwei extrem hohe bläuliche Lichtsäulen auf, deren Lichtquelle nicht erkennbar war. Erst nach 5 Minuten kam diese in Form eines LKW vorbeigerauscht. Bei der ersten Beobachtung der Lichtsäulen muss dieser also noch mehrere Kilometer weit weg gewesen sein.

Polarlichter gab es an diesem Abend nicht mehr, dafür aber jede Menge Neuschnee und kräftige Schneeverwehungen, die der Schneedecke auf dem See am nächsten Morgen ein bizzares Wellenmuster gaben.

21.02.2001

08:40 Uhr. Raustreten zum Halogucken!!! Die dicke Wolkendecke war verschwunden und das Thermometer war inzwischen bis auf -18,7 Grad gefallen. Die Luft war dunstig, verursacht von einer Vielzahl kleinster Eiskristalle, die nun helle Nebensonnen, einen oberen Berührungsbogen und einen 22-Ring um die Sonne zauberten. Während Wolfgang und Claudia ans andere Seeufer stapften um die Halos noch besser sehen zu können, bauten Ulrich und Mark aus Schnee und Wasser einen Windschutz für die kommende, hoffentlich polarlichtreiche Nacht. Und wir sollten nicht enttäuscht werden, obwohl die Nacht vom 22. Auf 23. ein noch beeindruckenderes Polarlicht bringen sollte.

Zunächst jedoch wurde nach Ende der Dämmerung der gigantische Sternenhimmel unter kristallklarem Himmel bewundert. Die Milchstraße war schon ohne lange Dunkeladaption sichtbar und die Grenzgrößenbestimmung scheiterte an bekannten Sternen, die genügend lichtschwach waren.

Pünktlich gegen 19:30 war jedoch der Sternenhimmel fürs Erste vergessen, als sich der "Standard"-Polarlichtbogen erstmals unter idealen Bedingungen zeigte. Er hatte eine Ausdehnung von 100 Grad in Ost-West-Richtung, wobei der östliche Teil immer am hellsten erschien. Bei der ersten Wahrnehmung stand der höchste Punkt des Bogens in etwa 10 Grad Höhe, jedoch stieg er innerhalb der nächsten halben Stunde auf über 20 Grad empor und erreichte im Laufe des Abend eine maximale Höhe von 30-40 Grad. Aus diesem Bogen schossen immer wieder helle Strahlen bis in 60 Grad Höhe auf. Nach einiger Zeit faltete sich der Bogen und wurde somit zu einem klassischen PL-Band. Außerdem gab es in unregelmäßigen Abständen sogenannte break-up Ereignisse, die sich immer durch eine Aufhellung im östlichen Teil des Bandes ankündigten. Es folgte meist ein Aufrollvorgang des Bandes von Ost nach West, der sich bis zu Spiralformen und wehenden Vorhängen verstärkte. Die Helligkeit des Polarlichtes war schon an diesem Abend umwerfend und Claudia fragte, ob es nicht besser sei, Blende 8 einzustellen.

Die gute Laune hielt nicht lange, denn die Kälte forderte schon bald erste Opfer. Das Thermometer war weit unter -20 Grad abgesunken, die Tiefsttemperatur der Nacht wurde mit -34,5 Grad notiert. Dank Windstärke 4 errechnete sich allerdings eine gefühlte Temperatur von unter -60 Grad!!!

Zuerst vermeldete Mark arge Kameraprobleme: "Bei meiner ersten Kamera war der Verschluss in Stellung offen eingefroren". Nachdem er die Kamera zum Auftauen ins Haus gebracht hatte, kam sein zweites Minolta-Gehäuse zum Einsatz. Doch schon nach 30 Minuten in der Kälte war auch diese Kamera defekt: Obwohl die Kamera auf Stellung "B" stand, belichtete sie bei jedem Auslösen höchstens 1/125 Sekunde. Da nun beide SLR-Kameras nicht mehr funktionierten, griff er verzweifelt nach seiner Kompaktkamera, die er eigentlich nur für Schnappschüsse bei Tageslicht mitgebracht hatte, fütterte sie mit einem 800er Film und machte damit einige Aufnahmen von dem Polarlicht. Die Kompaktkamera (Pentax Espiso 928) hat eine "B"-Funktion, allerdings läßt sich daran kein Drahtauslöser anschließen, so daß er den Auslöseknopf per Hand drücken mußte, was bei 30 Sekunden und mehr Belichtungszeit natürlich Anlaß für verwackelte Bilder gibt. Nach etwa einer weiteren halben Stunde war dann eine der SLR-Kameras wieder aufgetaut und einsatzbereit. Nach insgesamt 1 1/2 Stunden unfreiwilliger Dauerbelichtung ging auch der Verschluß der anderen Kamera mit einem lauten "Klack" wieder zu. Aufgrund dieser Erfahrungen wechselte Mark dann alle 20 Minuten die Kamera. Während eine draußen im Einsatz war, konnte sich die andere am Kamin erholen. Mit dieser Methode gab es keine weiteren Kameraprobleme mehr bei Mark. Bei Claudias Apparat funktionierte nach ca. 20 Bildern der Auslöser nicht mehr. "Ich stellte das holde Teil vor den Kamin zum Auftauen und schnappe mir die Ersatzkamera. Ein Probefoto, es funktionierte alles. Also das Teil aufs Stativ geschraubt, Drahtauslöser rangepuzzelt und 45 sec. belichten. Das hat toll geklappt, gleich noch mal! Ich drücke den Drahtauslöser und will die Feststellschraube betätigen, oh Shit, festgefroren. Macht nix, Handschuh aus und 45 sec. lang draufgedrückt. Fertig. Ups, warum klebt der Drahtauslöser am Zeigefinger fest? Abziehen geht nicht. Also rein in die Hütte. Endlich, unter warmen Wasser löst sich das Teil vom Finger. Fein, wieder raus zum Stativ, Drahtauslöser rangeschraubt und draufgedrückt und ... nix. Ist wohl der Auslöser eingefroren. Also die Kamera abgeschraubt und zurück in die Hütte. Die andere Kamera bleibt weiter im Streik, aber Nr. 2 funktioniert in der Wärme des Kamins nach kurzer Zeit wieder. Also raus, das Ganze wieder aufs Stativ geschraubt, die immer heller werdenden Polarlichter angepeilt und draufgedrückt....der Auslöser funktioniert, aber da vorn öffnet sich nichts. Ich probiere es erneut, gleiches Ergebnis. Camera obscura abgeschraubt, nur um in der Hütte festzustellen, dass der Spiegel eingefroren ist. Am Kamin hockt Wolfgang um den Motor seiner Canon "aufzutauen", denn dieser gibt da draußen recht merkwürdige Geräusche von sich. Und die Polarlichtnacht hat gerade erst begonnen....Wolfgang stellt sein Apparat an den Kamin und bekommt nach nur wenigen Minuten meine Nr. 2 wieder flott (Nr. 1 will nach wie vor nicht!). Also raus zurück in den Schnee, tolles Vordergrundmotiv gesucht, Stativ in den Tiefschnee gerammt und - bitte Lächeln da oben - himmihergottssackra, warum geht das verdammte Ding nun wieder nicht??? Ich schnapp mir das Stativ samt Kamera und renne zurück zur Hütte. Ich probiere, alles geht. Also wieder nach draußen ... nix. Liebe Kamera, lass mich nicht im Stich, halt durch! Aber weder das kälteempfindliche Teil noch irgendeiner der nordischen Gottheiten erhört mein Gebet. Alle sind wohl damit beschäftigt, diese wahnsinns grünen Lichter an das Firmament zu zaubern. Irgendwann stelle ich das Stativ samt Zubehör genervt in eine Ecke und ... beginne erstmals, die Polarlichter zu genießen. Ganz ohne Stress entdecke ich Dinge, die mir vorher entgangen waren. Zarte Strahlen, die aus den Gardinen herausschießen um sich weiter oben in einen zweiten Vorhang wieder zu vereinen. Der untere Saum des Polarlichtvorhanges im Westen beginnt neongelb zu leuchten. Einfach der Hammer, was da oben abgeht. Und das bei einer derart geringen Aktivität (K-Index = 3) , bei der wir überhaupt nicht mit solchen Polarlichtern gerechnet hätten. Und irgendwann, die Nacht ist schon weit fortgeschritten, höre ich sogar auf, mich über das Missgeschick mit den Kameras zu ärgern..."

Wolfgang und Ulrich haben wohl die kälteunempfindlichste Kamera von allen, allerdings reißen bei Ulrich die Filme und auch sein Stativ verliert den Kampf mit dem Tiefschnee, letzteres aber erst nach einer saukalten Stunde im "PL-Beobachtungsstand" mitten auf dem See. Von dort waren die wunderbaren Lichter auch noch bis an den Westhorizont inmitten des Sternbildes Stier zu sehen. Das Polarlicht mit den Planeten Jupiter und Saturn auf einem Bild festzuhalten machte einen riesigen Spaß und man konnte sogar die Kälte für ein paar Momente vergessen, bis einen der völlig zitternde Körper wieder daran erinnerte, dass man doch langsam mal wieder die Hütte aufsuchen sollte. Natürlich riss in diesem Moment auch wieder ein Film in der Kamera und so brachte ein kleiner Lauf durch den Tiefschnee zur Rettung der gemachten Bilder ein erstes Gefühl in die kalten Gliedmaßen zurück.

Es gab noch weitere Probleme in dieser Nacht, z.B. eingefrorene Kugel- und Faserschreiber, Reifbildung an den Objektiven, und letztendlich konnte das schönste Polarlicht, ein Vorhang aus Strahlen, die sich extrem schnell bewegten und die mit einer visuell deutlich sichtbaren, roten Unterkante wohl einen der Höhepunkte der Tour darstellten, von niemanden fotografiert werden. Denn als dieser break-up geschah, waren mal wieder alle mit irgendwelchen Kameraproblemen beschäftigt. Natürlich wurden diese Kämpfe sofort aufgegeben und alles was gerade noch wichtig erschien blieb bei diesem unbeschreiblichen Anblick einfach in einer Ecke der Hütte oder im Schnee liegen. Allein die Erinnerung an diesen Moment machte die Expedition schon zu einem vollen Erfolg.

Nach diesem tollen Abschluss leuchtete der Himmel noch einige Zeit in einem diffusen Grün und wir beendeten die Beobachtung gegen 01:00 Uhr.

22.02.2001

Während Mark und Ulrich die Lage im Internetkaffee checkten, fuhren Claudia und Wolfgang nach Kemijärvi zum Einkaufen. Claudia hatte leider vergebens gehofft, dass sich dort jemand findet, der ihre Kamera wieder zum Laufen bringt. Immerhin konnten sie in einem Fotogeschäft Nachschub an 400ern Filmen besorgen, jedoch kam ein Diafilm sage und schreibe 30,- DM!!! Die beste Nacht der Reise mit den ausgedehntesten und langanhaltendsten Polarlichtern begann wie schon am Vortag mit einem unbeschreiblichen Sternenhimmel. Natürlich ließen die grünen Bänder auch nicht lange auf sich warten und bereits um 19:15 Ortszeit konnten die ersten Strahlen gesehen werden. Bis hierher war das PL aber noch deutlich schwächer als tags zuvor und so ließen wir uns noch nicht aus der warmen Hütte locken. Stattdessen wurde hin und wieder ein "Kontrollgang" durchgeführt oder sich mit einem Blick durch das Panoramafenster vergewissert, dass man nichts verpasste. Gegen 21:00 Uhr begann die Aktivität dann langsam zu steigen und ein relativ schwacher Bogen stieg bis in einer Höhe von 40 Grad empor. Weiter passierte aber erst mal nichts, bis um 21:30 Uhr unterhalb des schwachen Bogens ein sehr helles gewelltes Band in etwa 10 Grad Höhe auftauchte und seine Strahlen aussandte. Jetzt ging es schon fast zu schnell, denn unterhalb dieses Bandes tauchte ein weiteres, noch helleres Band auf und beide zusammen begannen ihren Aufstieg in Richtung Zenit. Angeführt wurden diese hellen Formationen immer noch von dem diffus glühenden Bogen, der schon bald den Zenit in Richtung Süden überschritten hatte. Gegen Mitternacht war schließlich mehr als 6/8 des Himmels vom Polarlicht erobert und die Landschaft wurde in ein mystisches grüne Licht gehüllt, dass in seiner Ausdrucks- und Leuchtkraft selbst den Vollmond in den Schatten gestellt hätte. Zum Glück für unsere fotografische Ausbeute, waren die Lichter eher statisch und nicht so wild bewegt wie in der vorangegangenen Nacht. Die Berührungspunkte der Bänder mit dem Horizont glichen (in Zeitlupe) züngelnden Flammen mit dem gravierenden Unterschied, dass sie in einem wunderbaren grünlich gelben Licht erschienen. Zeitweise konnte man sogar ein Pulsieren des Polarlichts am gesamten Himmel beobachten. Ein beeindruckendes Schauspiel. Wir waren in dieser Nacht so sehr von dem himmlischen Schauspiel fasziniert, dass keiner merkte wie die Zeit verging. Als gegen 03:00 Uhr der Himmel "nur" noch großflächig in sein diffuses grünes Kleid gehüllt war, zog es uns aber in die warme Hütte zurück, wo erst mal die gewonnenen Eindrücke verarbeitet werden mussten.

Der maximale in dieser Nacht gemessene K-Wert von 5 stellte zugleich das Maximum während unseres Aufenthalts dar. Weiterhin konnten wir noch unseren persönlichen Kälterekord verzeichnen: -37,5C. Jedoch war die Beobachtung nur halb so schlimm wie die Nacht zuvor, denn es war fast windstill.

Gegen 04.30 Uhr brachen wir die Beobachtung entgültig ab, denn wir sind inzwischen so verwöhnt, dass uns dieses diffuse grüne Leuchten am Himmel nicht mehr vom Hocker reißt. Die schwache Restaktivität hat sich wohl noch bis zum Beginn der Morgendämmerung hingezogen, aber wir haben in unseren Betten davon nicht mehr viel mitbekommen.

23.02.2001

Schon vor Beginn der Reise hatte Claudia das Geophysikalische Institut in Sodankylä angemailt und nach Möglichkeiten einer Besichtigung gefragt. Nach mehrmaligem Anruf von Ulrich vor Ort hatte man sich schließlich auf einen Besuchertermin am 23.02. gegen 14:00 Uhr geeinigt. Für eine Wegbeschreibung reichte die Handykarte jedoch nicht mehr aus und nach einigem Suchen kam uns der Zufall in Gestalt eines Institut-Mitarbeiters zu Hilfe, den Mark an einer Tankstelle aufgabelte. Esa Turunen erwartete uns bereits und führte uns durch die heiligen Stätten seines Institutes. Wir bekamen die eindrucksvolle Bibliothek zu sehen, ein Magnetometer vom Anfang des 20. Jahrhunderts, eine Tonplatte mit der Polarlichtaktivität des Tages, an dem der ehemalige Direktor verabschiedet wurde, ein Monsterteil eines Radarreceivers mit stolzen 32 m Durchmesser, Falschfarbenpolarlichter (Zitat Esa: "von der natur gemalt") und wir durften dem Rauschen des Polarlichtes ("Music made by nature") lauschen (in Audiosignale umgesetzte Magnetfeldänderung). Wir zeigten im Gegenzug Esa die AKM-Seiten im Internet, die er sogleich in seine Bookmarks aufnahm. Anschließend wurde im Internet die PL-Aktivität gecheckt und gefachsimpled.

Auf die Anfrage von Claudia ermöglichte er sogar noch den Besuch des benachbarten Meteorologischen Institutes, welches sich hauptsächlich mit Ozon- und Atmosphärenmessung befasst. Empfangen wurden wir dort von einem Wesen, welches sehr an den legendären norwegischen Troll erinnert. Und man musste schon sehr leise sein, um die Sprache der Trolle zu verstehen... Erste Versuche, uns den Aufbau einer Radiosonde zu erklären, wurden von Claudia abgewürgt, mit dem Hinweis, dass sie in der heimatlichen Arbeitsstelle genau das gleiche Teil (finnisches Fabrikat) verwenden. Stattdessen löcherten wir unser Gegenüber mit Fragen über Inversion, Polare Stratosphären Wolken und Eishalodisplays. Dies alles hatte er natürlich schon gesehen, aber für so etwas langweiliges hat er kein Interesse, dieses gilt ausschließlich dem Ozon und so erzählt er uns begeistert von den Mega-Ozonkonzentrationswerten der letzten Nacht. Anschließend ging's noch in die Stadt, um Geld- und Filmnachschub zu besorgen und schließlich die paar Kilometerchen (180 waren's wohl) zurück in die Hütte.

Am Abend waren natürlich wieder Polarlichter zu sehen, diesmal begann es wie schon gewohnt gegen 19:20 Uhr mit einem 10 Grad hohen und 80 Grad weiten Bogen im Norden, der sich in den nächsten 2.5 Stunden nicht sonderlich veränderte. Dann erwartete uns allerdings das an Strahlen "reichste" Polarlicht unserer Reise. Zeitweise schossen parallele Strahlen gleichzeitig am Ost- und Westende eines PL-Bandes empor. Sie erreichten aber nur eine maximale Höhe von 50 Grad, weshalb uns der ersehnte Anblick einer Polarlicht-Korona leider verwährt blieb. Da sich die Positionen der Strahlen und auch ihr Auftreten ständig änderte, versuchten wir in dieser Nacht mit Serienaufnahmen die Dynamik der Polarlichter festzuhalten. Die aus den Aufnahmen zusammengestellten Animationen zeigen die Bewegung der unterschiedlichen Bögen und Strahlen auf eindrucksvolle Art und Weise. Insgesamt erreichte das Display in dieser Nacht Ausmaße, die mit dem Ereignis vom 21.02. vergleichbar waren. Die geomagnetische Aktivität wurde nochmals auf einen K-Wert von 4 bestimmt, was zu zahlreichen, nur fotografisch erfassbaren, roten Polarlicht-Erscheinungen führte. Die Beobachtungsbedingungen waren natürlich auch wieder sehr erträglich und das Thermometer zeigte bei Beobachtungsende um 01:30 Uhr nur noch -32.5 Grad. Zu dieser Zeit war immer noch ein ausgedehntes Polarlichtband am Himmel zu sehen, dass sich wiederum bis zum nächsten Morgen gehalten hat.

24.02.2001

Um 09.30 Uhr wurde Claudia von Wolfgang aus dem Bett geschmissen: Eisnebelhalos! Zeit zum Umziehen gönnte sich Claudia nicht und stürmte gleich im Schlafanzug raus. Waren ja auch nur noch -30 Grad. Später weitete sich das Ganze zu einem Halophänomen aus, an dem sich der 22-Ring, beide Nebensonnen, ein vollständiger (!) gut sichtbarer oberer Berührungsbogen, ein Zirkumzenitalbogen sowie das für Eisnebelhalos typische Lichtkreuz (Kombination aus kompletter Lichtsäule und Horizontalkreis innerhalb des 22-Ringes) beteiligten.

Während des mittäglichen Frühstückes schauten wir uns durch das Fenster eine Folge von "Vogel-Big Brother" an. Da vergnügten sich Spechte, Meisen und ein Unglückshäherpärchen und stritten fleißig um das Futter. Am letzten Tag wurde alles nachgeholt, wofür man die Tage zuvor keine Zeit fand: Sauna mit anschließendem Wälzen im Schnee, Skifahren, Beobachtung eines atemberaubenden Sonnenuntergangs (mit rechter Nebensonne und Lichtsäule) etc. Martti hat indessen ein finnisches Abschiedsessen für uns vorbereitet, mit Rentier und frischem Lachs, der am offenen Feuer zubereitet wurde. Dem schwachen grünlichen Leuchten am Nordhimmel wurde auch wegen der aufziehenden Wolken kaum noch Beachtung geschenkt. Umso mehr dagegen den noch vorhandenen Alkoholreserven...


rotes Wolkenmeer

Untere Lichtsäule, Untersonne,
unterer Berührungsbogen
Als wir in Helsinki im Flugzeug gen Heimat saßen, verabschiedete sich die Sonne glutrot mit einer schönen oberen Lichtsäule, die in ca. 11 Sonnenabstand eine deutliche Verdickung aufwies (Moilanenbogen?). Mit zunehmender Flughöhe stieg auch die Sonne wieder höher. Die obere Lichtsäule war noch eine ganze Weile zu sehen, ebenso helle Nebensonnen im bodennahen Diamond Dust und später auch in Cirrusstreifen in Horizontnähe. Was anschließend kam, war einfach atemberaubend. Die tiefstehende Sonne tauchte die unter uns liegenden Cirren sowie die Spitzen einiger Cumulonimben in ein glühendes Rot. Die Sonne selbst ging kurz vor der Landung in Berlin über einem phantastischen Wolkenmeer unter. Wir waren nun zurück in Deutschland, weitab von den Polarlichtern und es fiel uns nicht gerade leicht, mit der Hitze (0 Grad!!!) und der dichten Besiedlung zurechtzukommen. Ulrich hatte als einziger die Nerven, den Wagen durch den dichten Straßenverkehr zu führen und brachte uns alle wohlbehalten nach Chemnitz.

26.02.2001

Eigentlich sind wir nun alle vier in Chemnitz und der viel zu lang geratene Bericht müsste langsam ein Ende finden, wenn ... ja wenn wir nicht auch in Chemnitz am Morgen mit einem zünftigen finnischen Eisnebelhalophänomen (EE 01/04/05/10/11) begrüßt worden wären, und das bei warmen -8 Grad. Ulrich musste später selbst noch auf der Heimfahrt nach Mainz die Sichtung einer 30-hohen Lichtsäule über sich ergehen lassen. Na, wenn das kein gelungener Abschluss dieser grandiosen Reise ist, die sicherlich eine Fortsetzung finden wird...

Weitere Bilder gibt es auf der Seite von Ulrich Rieth und von Wolfgang und Claudia Hinz.